"...koi Mensch ko fliaga - au koi Wand´rer ned!"

Genau das war sicherlich euer erster Gedanke, als ihr die Überschrift dieser Wandergeschichte gelesen habt. Ich muss euch jedoch widersprechen. Meine beiden Freunde und ich haben das Fliegen an einem Abend erlernt.

Aber - ich will mit meiner Geschichte ganz vorne anfangen. Der eigentliche Jungfernflug, der kam erst zum Ende einer Wanderausfahrt nach Oberbayern. Genauer gesagt, fuhren wir im Frühjahr ins Tegenseer Tal - und um es noch genauer zu benennen, wir reisten nach Kreuth und fanden ein einfaches Quartier auf dem Eckhof. Der Bauer und Wirt, Sepp Bierschneider, bewirtschaftet das landwirtschaftliche Anwesen schon in der 3. Generation und ist mir seit fast 3 Jahrzehnten Gastgeber und Freund zugleich.

 

2 Touren waren für das verlängerte Wochenende geplant. Gleich am ersten Tag hinauf zum Hirschberg. Für den zweiten Tag eine etwas längere Tour über Risserkogel, Setzberg zum Wallberg. Letzter ist der höchste aller Berge in der Region und misst am Gipfelkreuz doch stolze 1750 Meter. Die Prophezeiungen für das bevorstehende Wetter waren schlecht. Auch nach Absuchen aller verfügbaren Wetterapps war keiner zu finden, welcher uns auch nur die geringsten "heiteren Abschnitte" voraussagen wollte. Da half nur noch intensives, positives Denken. Härtestes Daumendrücken, Stirnrunzeln und mentales Herbeisehnen einiger Sonnenstrahlen, hatte nicht seine gewünschte Wirkung. Schon bei der Anfahrt über die A8 begleitete und nasskaltes Sauwetter.

 

Bei eben diesem Sauwetter, mit Nieselregen und dichtem Nebel, eröffneten wir unsere erste Tagestour zum Hirschberg. Ein stundenlanger Aufstieg wurde zum Irrweg ohne jede Aussicht auf Aussicht. Erst 20 Meter vor dem Ziel erkannten wir das Hirschberghaus. Wir stießen quasi mit der Nase darauf. Durch die schlechte Sicht war kein "Taferl" zu sehen, welches uns den Weg hätte weisen können. Nur meiner guten Ortskenntnis war es zu verdanken, dass wir heil ankamen. Natürlich ließ ich mich dafür ordentlich loben und mein Ansehen als Wanderführer wurde wieder einmal kräftig gestärkt.

 

Doch nun zum zweiten Wandertag - jener, welcher am späten Abend dann noch mit einem gemeinsamen Formationsflug endete. Das Wetter war ähnlich dem Vortag. Beim Aufstieg zum Risserkogel hatten wir noch etwas freie Sicht und Petrus verschonte uns mit der, bereits vom Vortag, gewohnten Dauerdusche.  Kaum am Hochgrat angekommen zogen schon wieder Regenwolken herbei und ließen auch nicht lange darauf warten sich zu leeren. Der Weg über den Setzberg wurde schnell zum Weg um den Setzberg geändert. Am Schräghang entlangtänzelnd - man stelle sich die Wanderkameraden vor, welche einen Schirm im Equipment als salonfähig akzeptieren - am Schräghang, wie eine Ballarina entlangtänzelnd erreichen wir das Walberghaus. Diese Einkehr bot uns zwar Schutz vor Regen und Nässe - Wärme jedoch, konnte uns der Unterschlupf nicht bieten. Es war ungeheizt und somit keine Chance unsere nassen Klamotten zu trocknen.

 

Insgesamt entwickelte sich der Verlauf der Wandertour als dermaßen widrig, dass nach einem Anstieg zur Bergstation entschlossen wurde, mit der Kabinenbahn talwärts zu fahren. Schon um 16:00 Uhr waren wir wieder in unserer Frühstückspension gelandet. Schnell geduscht und mit trockener Kleidung versorgt, zog es uns ins benachbarte Hotel zur Post mit seinem gemütlichen Poststüberl. Etwas verfrüht waren wir nun schon bei dem Teil - übrigens der beliebteste - der Wanderung angelangt. Die abschließende Einkehr mit bayrisch deftigem Haxenbraten, Knödeln und Krautsalat. Dies alles wurde begleitet von jeder Menge "Tegernseer Hell" aus der herzoglichen Brauerei und einem - es können auch mehrere gewesen sein - Obstler der Schlierseer Edeldestille "Lantenhammer". Da saßen wir nun - glücklich und zufrieden, die Pein des Wandertages aufarbeitend und in den gedanklichen Hintergrund rückend. Dem warmen Abendessen folgte, Stunden später, ein weiteres Vesperbrettl. Alles immer wieder heruntergespült mit eben jenem Gerstensaft und jenem leckeren Destillat von Äpfeln und Birnen. Vermutlich wurden zu diesem Zeitpunkt schon die Weichen für unsere spätere Flugstunde gestellt.

 

Nun, es war spät geworden. Drei württembergische Wanderer waren die letzten Gäste im Poststüberl, die alte Wanduhr zeigte an, dass der Tag seinem Ende zugegangen ist und unser Kellner gähnte. An den Nebentischen wurde bereits für das morgige Frühstück eingedeckt. Wie sollte es der Kellner nun schaffen, uns drei bestgelaunte Gäste aus der Gaststube zu bugsieren? Mit strahlendem Blick kam er auf uns zu, fragte, ob denn alles zu unserer Zufriedenheit sei, und bot uns die bequemen Sessel in der Hotelhalle an, um weiterzuzechen. Wir waren nicht abgeneigt, die harten Wirtshausstühle mit den noblen Polstern der Lobby zu tauschen. Schnell war der Umzug verrichtet und die Männer mit Hund Ronja lümmelten sich bei einer neuen Lage Bier und Schnaps.

 

Zu diesem Zeitpunkt nimmt die Wandergeschichte eine gravierende Wendung. Wir begaben uns quasi auf die Startrampe unseres folgenden Fluges. Die Personalsituation im Hotel Post änderte sich. Unser freundlicher Kellner wurde vom Besitzer des Hauses abgelöst. Geschäftig arbeitete dieser hinter dem Tresen der Rezeption, löschte Lichter in verschiedenen angrenzenden Räumen, schloss Türen ab und ratterte mit seiner Computerkasse die Tagesumsätze herunter. Erst, als er mit einem dicken, klimpernden Schlüsselbund an uns vorbeimarschierte und die Hoteltür verschloss, rückte der Herr Direktor in unseren, mittlerweilen eingeschränkten, Focus. Im Vorbeigehen, wie gesagt, kam es zu der Frage, ob wir denn auch unsere Zimmerschlüssel mitführen würden. Anmerkend die Info, dass diese Schlüssel auch zur Seitentür des Hotels passen würden. Schnell war klar, dass uns der Hotelier für Hausgäste seiner Herberge hielt. Mit lallender Stimme erklärte ich ihm, dass wir zwar unsere Zimmerschlüssel in der Tasche hätten, diese aber zur Tür von Bierschneiders Eckhof passen. Die, noch eben recht freundliche Mine unseres Gesprächspartners, verfinsterte sich im Tempo heranziehender Gewitterwolken. "5 Minuten - meine Herren, 5 Minuten gebe ich ihnen Zeit, ihr Bier auszutrinken, und mein Haus zu verlassen." Ich versuchte dem, mittlerweilen unfreundlich gewordenen Gastwirt, zu erklären, welchen Anspruch wir uns erworben hätten, solange zu bleiben, wie es uns gefällt. Letztlich erinnerte ich an die Höhe der Zeche, welche wir heute schon hätten und die Tatsache, dass er froh sein müsse, solche Gäste wie uns drei zu haben. Ein Wort gab das andere, es kam zu verbalen Ausrutschern welche mit der Tempoaufnahme eines Flugzeuges auf dem Rollfeld zu vergleichen waren. Schnell hoben wir ab und landeten, nebst Foxelhündin Ronja, vor der Hoteltür.

 

"Henn mir hier jetzt Lokalverbot?" fragte einer meiner Wanderkameraden. Meine kurze Antwort lautete: "I glaub scho." Ich muss zugeben - für mich persönlich war es schon der zweite Flug ohne jegliche Hilfsmittel und Flugapparate. In den 1970er Jahren bin ich schon einmal in ähnlicher Weise geflogen - nämlich vom Gymnasium.

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